Tiefe oder flache Dekostopps? Was die Studie von DAN Europe aus dem Jahr 2026 gezeigt hat

Tiefe oder flache Stopps, Tech-Taucher mit Stage-Flaschen beim Aufstieg

Tiefe oder flache Stopps? Diese Debatte kehrt im technischen Tauchen alle paar Jahre zurück. In unserem Beitrag Gradientenfaktoren verständlich haben wir geschrieben, dass die Studien des letzten Jahrzehnts tiefen Stopps keinen Vorteil gezeigt haben. Jetzt gibt es eine Studie, die das Gegenteil zeigt. Ein Team von DAN Europe hat zwei Arten verglichen, dieselbe Dekompression zu verteilen, und gemessen, wie viele Gasblasen nach dem Tauchgang im Blut zirkulieren. Die Ergebnisse sind interessant, man überschätzt sie aber leicht. Gehen wir sie deshalb in Ruhe durch.

So lief die Studie ab

Teilgenommen haben 18 erfahrene Taucher (17 Männer und eine Frau, im Schnitt 45 Jahre), alle mit Instructor-Berechtigung. Jeder machte zwei Tauchgänge im Becken Y-40 in Montegrotto: 40 m, 40 Minuten am Grund, Trimix 21/35 und ab 21 m bis zur Oberfläche Nitrox EAN50. Die Reihenfolge der Tauchgänge war zufällig, der Abstand dazwischen lag bei 3 bis 30 Tagen. Das ist ein sogenanntes Cross-over-Design: Jeder Taucher ist seine eigene Kontrollgruppe, das verringert den Einfluss der Unterschiede zwischen den Menschen.

Verschieden waren nur die Stopps. Die gesamte Dekozeit war fast gleich, aber anders verteilt:

  • DEEP (grob GF 30/80): erster Stopp auf 21 m, dann 18, 15, 12, 9, 6 und 3 m. Zeiten: 4, 2, 2, 2, 4, 16 und 8 Minuten, zusammen 38 Minuten. Etwa ein Drittel dieser Zeit entfiel auf die Stopps zwischen 21 und 9 m, mit EAN50.
  • SHALLOW (grob GF 100/75): erster Stopp auf 9 m. Zeiten: 5, 22 und 10 Minuten, zusammen 37 Minuten laut Tabelle im Artikel. Diese Logik liegt nah an den klassischen Tabellen.

Diagramm: Dekompressionsprofile DEEP und SHALLOW aus der Studie von DAN Europe, 40 m für 40 Minuten, mit markiertem Gaswechsel auf EAN50 auf 21 m

Nach dem Auftauchen zeichneten die Forscher das Herz per Echokardiografie auf: innerhalb von 5 Minuten nach dem Ausstieg und danach alle 15 Minuten bis zur 90. Minute. Gezählt wurden die Blasen (VGE), die im rechten Vorhof zu sehen waren. Die Zahl der Blasen dient hier als Maß für den Dekompressionsstress.

Was gemessen wurde

Blasen. Im Mittel 6,7 ± 7,2 VGE pro Herzschlag nach dem DEEP-Profil und 10,7 ± 11,6 nach SHALLOW (p = 0,0006). Der Unterschied zeigt sich direkt nach dem Auftauchen: 5,64 gegenüber 14,5 zum Zeitpunkt null, 6,4 gegenüber 16,6 nach 15 Minuten und 7,6 gegenüber 18,0 nach 30 Minuten. Aus der Grafik im Artikel geht hervor, dass der Unterschied nach etwa einer Stunde nicht mehr signifikant ist.

Diagramm: mittlere Zahl der VGE-Blasen pro Herzschlag nach den Profilen DEEP und SHALLOW in Minute 0, 15 und 30 sowie Gesamtmittelwert

Übersättigung an der Oberfläche. Aus den Computerdaten wurde der Index DSSG berechnet: 1,017 nach DEEP und 1,039 nach SHALLOW (p < 0,05). Interessant: In beiden Varianten lag er über dem geplanten GF high (85 für DEEP und 82 für SHALLOW). Die Autoren erklären das damit, dass die Computer die Berechnung beenden, sobald die Tiefe unter 0,5 m fällt, der Taucher aber bis auf null auftaucht.

Symptome. Nach dem SHALLOW-Profil trat bei drei Tauchern Cutis marmorata (marmorierte Haut) auf, nach DEEP bei niemandem. Alle drei hatten über 40 Blasen pro Herzschlag. Sie bekamen 60 Minuten normobaren Sauerstoff, und die Symptome verschwanden vollständig. Bei 18 Personen ist der Unterschied von 3 zu 0 allerdings statistisch nicht signifikant (p = 0,24).

Diagramm: Vergleich von VGE, DSSG und Fällen von Cutis marmorata nach den Profilen DEEP und SHALLOW

Warum es so ausgefallen sein könnte

Die Autoren schlagen mehrere Erklärungen vor, alle sind vorerst Hypothesen. Die wichtigste: Im DEEP-Profil atmete der Taucher länger EAN50 auf 21 und 18 m, wo der ppO₂ bei 1,55 und 1,40 bar liegt. Ein hoher ppO₂ vergrößert das sogenannte Sauerstofffenster, also die Untersättigung der Gewebe mit Inertgas. Das könnte helfen, Blasenkeime aufzulösen. Zweite Möglichkeit: Der höhere Druck in der Tiefe bremst das Wachstum von Mikroblasen. Dritte: Die schnellen Gewebe entsättigen früher und „füttern“ die Blasen später nicht mehr.

Achte auf das Fazit der Autoren. Sie behaupten nicht, dass tiefe Stopps an sich gut sind. Sie schreiben, dass der Vorteil aus der Kombination von tieferen Stopps und höherem ppO₂ auf dem Dekogas kommen könnte.

Was diese Studie nicht beweist

  • Die Stichprobe ist klein. 18 Personen, fast nur Männer, mit unterschiedlichem Körperbau. Die Forscher haben vorher nicht geprüft, welche Taucher viele Blasen „produzieren“.
  • Es war ein Becken. Es fehlten Kälte, Strömung, Anstrengung und Stress, wie sie beim Tauchen im Meer oder in offenen Gewässern üblich sind.
  • PFO. Die Taucher gaben an, kein offenes Foramen ovale zu haben, und Kardiologen haben sie untersucht, ein einheitlicher Test wurde aber nicht verwendet. Die Autoren räumen ein, dass manche ein unentdecktes kleines PFO gehabt haben könnten.
  • VGE sind ein Ersatzmarker. Viele Blasen bedeuten meist ein höheres DCS-Risiko, sind aber nicht dasselbe wie die Dekompressionskrankheit. Die Studie misst nicht, wie oft DCS auftritt.
  • Symptome statistisch nicht signifikant. Drei Fälle von marmorierter Haut sind ein Hinweis, den erst weitere Studien bestätigen müssten.

Widerspricht das den Studien der NEDU?

Auf den ersten Blick ja. Die NEDU-Studie aus dem Jahr 2011 (Tauchgänge mit Luft, 30 Minuten auf etwa 52 m) ergab 3 DCS-Fälle bei 192 Tauchgängen mit flachen Stopps und 11 bei 198 mit tiefen. Jene Studie hat allerdings die Dekompressionskrankheit selbst gemessen, mit Luft und einem anderen Plan. In der Studie von DAN gab es Trimix, EAN50 ab 21 m, andere ppO₂-Werte und andere GF. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass der Unterschied an der Strategie liegen kann: an den verlängerten Stopps auf 21 und 18 m mit Nitrox 50.

Unser Fazit: Die beiden Studien müssen sich nicht ausschließen, weil sie unter verschiedenen Bedingungen verschiedene Fragen beantworten. Beide sind es wert, sie zu kennen, keine entscheidet die Frage. Wenn du verstehen willst, woher die unterschiedlichen Profile kommen, lies auch unseren Beitrag Dekompression ohne Geheimnisse.

Was du in der Praxis damit machst

  • Ändere deine Computereinstellungen nicht wegen einer einzigen Studie. Eine andere GF-Einstellung verändert das ganze Profil: Gase, Zeiten, Verbrauch der Gasreserve.
  • Kopiere das Profil aus dem Artikel nicht. Die Tabelle der Studie gilt für einen bestimmten Tauchgang, bestimmte Gase und bestimmte Menschen.
  • Merk dir die Richtung. Die genauen Zahlen gehören zu dieser einen Studie. Dekogas und ppO₂ auf den Stopps sind wichtige Werkzeuge der Dekompression. Auch ein hoher ppO₂ hat seine Grenzen.
  • Sprich mit deinem Tauchlehrer darüber. Wie du GF, Gase und Stopps auf deine Tauchgänge abstimmst, lernst du in unseren Kursen für technisches Tauchen.

Glossar

  • VGE (vascular gas emboli): Gasblasen im venösen Blut, nach dem Tauchgang per Echokardiografie oder Doppler erkannt.
  • DSSG (DAN Surface Supersaturation Gradient): Index von DAN, also die berechnete Übersättigung des am stärksten gesättigten Gewebes im Moment des Auftauchens (anders gesagt der Gradient am Ende des Tauchgangs).
  • GF (Gradientenfaktoren): welcher Teil der Reserve zwischen Umgebungsdruck und M-Wert genutzt werden darf; GF low gilt für den ersten Stopp, GF high für das Auftauchen an die Oberfläche.
  • ppO₂: Sauerstoffpartialdruck im Atemgas, in bar.
  • Sauerstofffenster: Untersättigung der Gewebe, die entsteht, weil der Körper Sauerstoff verbraucht; je höher der ppO₂, desto größer ist sie.
  • Cutis marmorata: marmorierte Verfärbung der Haut, eine leichte Form der Haut-DCS; kann auf deutlichen Dekompressionsstress hinweisen.
  • PFO: offenes Foramen ovale, eine Verbindung zwischen den Herzvorhöfen, durch die Blasen auf die arterielle Seite gelangen können.

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Anmerkung der Redaktion: Im Artikel ist die Stoppzeit auf 3 m im SHALLOW-Profil im Text mit 11 Minuten angegeben, in Tabelle 1 mit 10 Minuten. Wir verwenden die Tabelle, daher 37 Minuten insgesamt. In der Zusammenfassung schreiben die Autoren von „DCS-Fällen“, in den Ergebnissen beschreiben sie Cutis marmorata. Wir halten uns an die Beschreibung aus den Ergebnissen.


Quelle: Marroni A., Pieri M., Imbert J.-P., Pelliccia R., Arena M., Marroni L., Germonpré P., Cialoni D., Balestra C. Deep versus shallow decompression stops: illustration of different decompression strategies used in technical diving. Int Marit Health 2026, DOI: 10.5603/imh.106791. Der Artikel ist frei zugänglich (Lizenz CC BY-NC-ND 4.0).

Die Diagramme hat Long Deco auf Grundlage der Daten aus dem Artikel erstellt (Tabelle 1 und Ergebnisse); das Profilschema ist vereinfacht, die Transferzeiten zwischen den Stopps sind nicht berücksichtigt. Dieser Text dient der Bildung, ist nicht zur Tauchgangsplanung gedacht und ersetzt keine Ausbildung.

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